Neben Quokkas, endlosen Stränden und einem entspannten Lebensgefühl gibt's hier in Australien noch etwas, das mir von Anfang an aufgefallen ist und worüber ich schon so oft mit anderen Expats und Locals diskutiert habe: das sogenannte "Tall Poppy Syndrome". Klingt erstmal komisch, aber dahinter steckt eine kulturelle Eigenheit, die mich wirklich zum Nachdenken gebracht hat, vor allem, wenn ich sie mit der deutschen Mentalität vergleiche. Lasst uns also mal ein bisschen kultureller werden.
Was ist das Tall Poppy Syndrome überhaupt?
Der Begriff kommt vom Bild eines Mohnfeldes, in dem alle Blumen ungefähr gleich hoch wachsen. Wächst eine Mohnblume aber deutlich höher als der Rest, wird sie als Erstes abgeschnitten. Übertragen auf Menschen bedeutet das: Wer sich zu sehr von der Masse abhebt, wer zu erfolgreich, zu selbstbewusst oder zu sichtbar wird, der wird gesellschaftlich "zurechtgestutzt". Das kann sich durch süffisante Kommentare, ironisches Runtermachen oder einfach durch ein kollektives Naserümpfen äußern.
In Australien ist dieses Phänomen tief in der Kultur verankert. Es gilt als ziemlich unangebracht, mit Erfolg oder Reichtum zu prahlen, selbst wenn man ihn sich hart erarbeitet hat. Wer zu offensichtlich Karriere macht, zu viel Geld zur Schau stellt oder einfach zu selbstbewusst auftritt, läuft schnell Gefahr, als arrogant oder "up himself" abgestempelt zu werden. Bescheidenheit, oder zumindest das Zurschaustellen von Bescheidenheit, wird hier extrem hochgehalten.
Wie mir das im Alltag aufgefallen ist
Mir ist das Ganze vor allem in kleinen Alltagsmomenten aufgefallen. Wenn ich zum Beispiel Australier nach ihrem Job gefragt habe, kam die Antwort oft super understated, selbst wenn sich später herausstellte, dass die Person eine ziemlich beeindruckende Position hat. Erfolg wird hier eher heruntergespielt als betont. Und wenn doch mal jemand zu selbstbewusst auftritt, dann bekommt die Person das meistens ziemlich schnell und ziemlich direkt zu spüren, oft mit einem trockenen, leicht sarkastischen Kommentar. Der berühmte australische Humor lässt grüßen.
Eine Situation ist mir dabei besonders im Kopf geblieben. Ich war gerade auf der Suche nach einem neuen Auto und ein Arbeitskollege hat mich ganz beiläufig gefragt, was denn mein Budget wäre. Ich hab ihm daraufhin einen Betrag genannt, nichts Verrücktes, einfach das, was ich mir eben zusammengespart hatte. Seine Reaktion kam dann aber ziemlich erstaunt: "Wowww Jesko, du hast ja das große Geld parat..." Ich fand die Situation im Nachhinein echt merkwürdig, denn ich bin ganz sicher nicht reich, ich hatte einfach nur ein paar Rücklagen angespart. Aber allein die Tatsache, dass ich einen gewissen Betrag zur Verfügung hatte, hat schon ausgereicht, um so eine Reaktion hervorzurufen. Genau das ist für mich ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie schnell man hier in eine Schublade gesteckt wird, sobald man auch nur ansatzweise den Eindruck erweckt, finanziell etwas bessergestellt zu sein.
Gleichzeitig hat das Ganze auch eine sehr positive Seite, wie ich finde. Es sorgt für ein starkes Gemeinschaftsgefühl und eine gewisse Gleichheit im Umgang miteinander. Egal, wie erfolgreich jemand ist, im Pub am Nachmittag sind irgendwie alle auf Augenhöhe. Diese "mateship"-Mentalität, bei der niemand sich für etwas Besseres hält, ist für mich wirklich eine der schönen Seiten der australischen Kultur.
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Und wie sieht das in Deutschland aus?
Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, dann gibt es tatsächlich einige Parallelen, aber auch klare Unterschiede. Auch bei uns wird Angeberei nicht besonders gerne gesehen, und übertriebenes Selbstlob kommt oft schlecht an. Der Spruch "Eigenlob stinkt" ist ja quasi das deutsche Äquivalent zum Tall Poppy Syndrome.
Der große Unterschied liegt für mich aber eher in der Motivation dahinter. In Deutschland hat die Zurückhaltung oft mehr mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und einem Fokus auf Fakten statt Show zu tun. Man lässt lieber die Leistung für sich sprechen, statt großspurig darüber zu reden. Es geht weniger darum, jemanden aktiv "kleinzuhalten", sondern eher darum, dass zu viel Selbstdarstellung als unseriös oder oberflächlich gilt.
In Australien habe ich hingegen manchmal das Gefühl, dass es aktiver zugeht. Also nicht nur, dass Angeberei nicht gerne gesehen wird, sondern dass Erfolg an sich schon fast ein bisschen suspekt macht, ganz nach dem Motto: Wer denkt der, dass er ist? Diese leicht misstrauische Haltung gegenüber Erfolg und Ehrgeiz ist mir in Deutschland so in der Form eher weniger begegnet.
Mein Fazit als Deutscher in Australien
Für mich war es spannend, zu erleben, wie unterschiedlich zwei Kulturen mit Erfolg und Sichtbarkeit umgehen, obwohl beide im Kern eine ähnliche Abneigung gegen Prahlerei teilen. Während es in Deutschland eher um Substanz statt Show geht, geht es in Australien mehr darum, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen und auf Augenhöhe mit allen zu bleiben.
Am Ende des Tages sagt das Ganze natürlich auch viel über die jeweiligen Werte einer Gesellschaft aus. Und ich persönlich finde es total spannend, diese kleinen kulturellen Unterschiede aus meiner Perspektive immer wieder zu entdecken. Was denkt ihr…? Haltet eure Augen und Ohren mal offen und schaut, ob euch das Tall Poppy Syndrom auch auf irgendeine Weise begegnet.
Bis bald!
Cheers
Jesko
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