Bevor ich das erste Mal nach Australien gekommen bin, hatte ich, wie viele Deutsche wahrscheinlich, ein ziemlich einheitliches Bild im Kopf: Kängurus, Strände, "no worries mate" und fertig. Was ich komplett unterschätzt hatte, ist, wie riesig dieses Land tatsächlich ist und wie unterschiedlich sich die einzelnen Ecken davon anfühlen. Australien ist knapp 20-mal so groß wie Deutschland, und je mehr ich hier unterwegs bin, desto klarer wird mir, dass es eigentlich unfair ist, von "den Australiern" oder "dem australischen Lebensgefühl" zu sprechen, als wäre das überall dasselbe.
Ostküste vs. Westküste
Der wohl deutlichste Unterschied, den ich selbst erlebt habe, ist der zwischen Ost- und Westküste. An der Ostküste, wo ich anfangs unterwegs war und jetzt auch lebe, ist einfach viel mehr los. Sydney und Melbourne sind pulsierende Millionenstädte mit internationalem Flair, dichter besiedelten Küstenabschnitten und deutlich mehr Tourismus-Infrastruktur. Hier ist man selten wirklich allein unterwegs, und alles fühlt sich ein bisschen schneller und geschäftiger an.
Die Westküste dagegen, wo wir letztes Jahr unterwegs waren und auch für eine Weile gelebt haben, ist eine ganz andere Welt. Perth ist zwar auch eine echte Großstadt, aber gefühlt trotzdem viel isolierter und entspannter, kein Wunder, die nächste vergleichbar große Stadt ist über 2.000 Kilometer entfernt. Sobald man aus Perth raus ist, wird es sofort wild und einsam, riesige Strecken ohne nennenswerte Infrastruktur, dafür aber eine Natur, die sich noch unberührter anfühlt. Für mich ist die Westküste bisher der Teil Australiens, bei dem ich mich am meisten "off grid", also fernab von der Zivilisation gefühlt habe.
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Sydney gegen Melbourne, ein Klassiker
Ein Running Gag, der mir immer wieder begegnet ist: die Rivalität zwischen Sydney und Melbourne. Ähnlich wie bei uns vielleicht München gegen Berlin, nur nochmal eine Stufe ernster gemeint. Sydney gilt eher als die glamourösere, touristischere Stadt mit der Oper und der Harbour Bridge als Postkartenmotiv, während Melbourne sich selbst gerne als die kulturellere, kreativere Stadt mit der besseren Kaffee- und Foodszene sieht. Beide Städte lästern gerne übereinander, meistens mit einem Augenzwinkern, aber man merkt schon, dass es den Leuten wirklich wichtig ist, auf welcher Seite sie stehen.
Queensland, der entspannte Bruder
Dann gibt es noch Queensland, das sich für mich nochmal komplett anders angefühlt hat als New South Wales oder Victoria. Hier ist alles ein bisschen langsamer, tropischer und lockerer, was sicher auch am Klima liegt. Die Leute in Queensland werden von anderen Australiern manchmal liebevoll-spöttisch als etwas "behäbiger" oder weniger ambitioniert beschrieben, was ich persönlich aber eher als entspannte Lebenseinstellung interpretieren würde. Ein bisschen wie der Unterschied zwischen Norddeutschland und, sagen wir, Bayern.
Ein Wort, viele Namen
Was mich außerdem überrascht hat, ist, dass der australische Akzent im internationalen Vergleich eigentlich ziemlich einheitlich ist. Anders als in Deutschland, wo man oft schon nach ein paar Sätzen hört, ob jemand aus Bayern oder von der Waterkant kommt, ist Australien als Nation einfach noch relativ jung, und die Bevölkerung war historisch sehr mobil, wodurch sich kaum ausgeprägte regionale Akzente herausbilden konnten. Was es aber definitiv gibt, ist ein Gefälle innerhalb des Akzents selbst, von "cultivated" (eher britisch angehaucht) über "general" (das, was man am ehesten als Standard-Aussie-Akzent kennt) bis hin zu "broad", also einem sehr breiten, nasalen Akzent, der eher in ländlichen und Outback-Regionen zu hören ist. Wenig überraschend hört man den "broad"-Akzent häufiger, je weiter man von den Großstädten wegkommt.
Wo es aber tatsächlich spannende Unterschiede gibt, ist beim Wortschatz. Ein Schwimmanzug heißt in Queensland "togs", in New South Wales eher "cossie" oder "swimmers" und in Victoria "bathers". Ein kleiner Laden an der Ecke ist in Victoria ein "deli", in Queensland dagegen eine "milkbar". Und selbst bei einer frittierten Kartoffelscheibe gibt es hitzige Debatten, ob das nun "potato cake" oder "potato scallop" heißt, je nachdem, wo man gerade ist. Kleine sprachliche Details, die einem zeigen, wie stark sich die Menschen hier trotz einheitlicher Sprache mit ihrer jeweiligen Region identifizieren. Und dann gibt es natürlich noch den größten Konflikt zwischen Queensland und Victoria, ob das Hähnchenschnitzel jetzt "Parmi" oder "Parma" heißt… echt zum weglachen!
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Stadt versus Outback
Neben den Unterschieden zwischen den Städten gibt es aber noch eine viel größere Kluft: die zwischen Stadt und Outback. In den Großstädten an der Küste lebt der Großteil der australischen Bevölkerung, hier ist das Leben international, vielfältig und in vielerlei Hinsicht ähnlich zu dem, was man aus europäischen Großstädten kennt. Sobald man aber ins Landesinnere kommt, verändert sich alles. Die Städte werden kleiner, die Communities enger, und man merkt, wie sehr das Leben hier von Distanzen, Wetter und Selbstständigkeit geprägt ist. Die Menschen, die wir in kleinen Outback-Towns getroffen haben, waren oft unglaublich herzlich und hilfsbereit, aber auch bodenständiger und direkter als das, was ich aus den Städten kannte.
Ein Land, viele Identitäten
Was ich aus all dem mitgenommen habe: Australien lässt sich nicht auf ein einziges Klischee runterbrechen. Die Menschen an der Ostküste, in Perth, in Queensland oder im Outback identifizieren sich oft stärker mit ihrer Region oder ihrem Bundesstaat als mit einem übergreifenden "australischen" Gefühl. Das hat mich anfangs überrascht, ergibt bei der Größe des Landes aber total Sinn. Es ist ein bisschen so, als würde man erwarten, dass sich jemand aus Hamburg und jemand aus München genau gleich verhält, nur eben auf einer viel größeren Skala.
Für mich persönlich macht genau das dieses Land so spannend. Jede Region, die wir bisher besucht haben, hatte ihren eigenen Charakter, ihre eigene Mentalität und ihre eigenen kleinen Eigenheiten. Und ich bin gespannt, was uns noch erwartet, wenn wir irgendwann wieder auf eine Reise um das Land gehen, denn glaubt mir, es wird niemals langweilig hier.
Safe travels und bis zum nächsten Mal!
Cheers Jesko






